Konstruierte Realitäten für die Schule

„Du Nelly“, begann Markus vor ein paar Wochen, noch mitten in der Konzeptphase für Vimuki.  „Lass uns doch den Fokus auf Konstruierte Realitäten legen! Das find ich interessant!“
„Konstruierte Realitäten? Was meinst du?“, frage ich zurück, etwas überfordert mit diesem sperrigen Begriff.
„Naja, für die Inhalte der Führungen. Wir haben uns jetzt sehr viele Gedanken über das ‚Wie‘ gemacht, aber wir sollten uns mal mit dem ‚Was‘ beschäftigen. Mir schwebt vor, den Fokus auf Konstruierte Realitäten zu legen. Meinst du, das passt?“

Zugegeben, ich musste das selbst erst einmal nachschlagen: Konstruierte Realitäten sind ein Begriff aus der Mediensprache, aber auch aus der Philosophie und Psychologie. Er bezeichnet die Annahme, dass wir Menschen unsere Welt nicht wahrnehmen, wie sie „wirklich“ ist. Eigentlich sagen die Hardcore-Vertreter der „Konstruierten Realität“, dass wir so etwas wie eine „objektive Wirklichkeit“ auch gar nicht erkennen können (deshalb die Anführungszeichen). Vielmehr haben wir alle gewisse Wahrnehmungsfilter im Kopf, mit deren Hilfe wir uns die Welt um uns herum konstruieren.

Ich gebe euch ein Beispiel: Ich besitze eine Computermaus mit rosa Herzchen drauf.
Ein Realist würde sagen: „Die Herzchen sind ein Fakt. Sie existieren. Sie existieren auch, wenn ich sie gerade nicht betrachte und auch, wenn ich gerade nicht an sie denke. Sie brauchen mich nicht, um da zu sein. Aber ich kann sie sehen und anfassen und durch diese Sinneseindrücke kann ich erfahren, dass sie wirklich existieren.“

Ein Konstruktivist würde antworten: „Das ist ja gut und schön. Aber woher weiß ich denn, dass du die Farbe rosa genauso siehst wie ich? Woher weiß ich denn, ob das, was du als rosa empfindest, für mich nicht eher grün aussieht? Und überhaupt, das ist an sich doch ohnehin nicht interessant. Rosa Herzchen haben doch eine Bedeutung über ihre bloße Existenz hinaus. In unserer Gesellschaft sind sie Ausdruck von Liebe und Weiblichkeit. Aber die rosa Herzchen alleine sagen doch nicht ‚Hallo, ich bin feminin!‘. Das kommt nur aus unserer Wahrnehmung und den gesellschaftlichen Normen.“

„Aha“, sage ich zu Markus, nachdem ich mir all diese Definitionen und Beispiele durchgelesen habe. Meine Stimme klingt nicht besonders überzeugt. „Nicht, dass ich dich bremsen will, aber… DAS soll eine Führung für Jugendliche interessanter machen? Wenn wir die mit diesen ganzen Theorien beballern, schlafen die uns doch ein, bevor wir ‚Bismarck‘ sagen können.“
„Gut, dass du den Reichskanzler erwähnst!“, sagt Markus mit einem schelmischen Grinsen. „Das Kaiserreich ist doch voll von Konstruierten Realitäten. Denk doch einfach mal an das Feindbild zu Frankreich, oder an die Auslöser für den Deutsch-Französischen Krieg. Wenn wir da keine gesellschaftlichen Konstruktionen finden, dann weiß ich auch nicht. Wir müssen unseren Schüler:innen ja nicht die volle Breitseite an Theorie geben, aber findest du nicht, dass wir mal neue Wege einschlagen sollten? Schließlich waren wir uns ja von Anfang an einig, dass wir das ja auch langweilig finden, wenn wir unsere klassische Museumsführung einfach abfilmen. Da muss ein bisschen mehr passieren. Wir sollten die Jugendlichen mehr einbinden.“

Da hat er Recht. Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. Schließlich beschränken sich viele Geschichtsvermittler auf den „realistischen“ Ansatz: „Am 12.05.1434 fand dieses oder jenes Ereignis statt…“ Uiiiii, toll. Das finde ich ja selbst als Historikerin oft nicht hilfreich. Wer soll sich all die Daten denn merken, und vor allem: WARUM? Irgendeinen Bezug brauche ich ja zu meinen Inhalten.

Ja stimmt! Ich brauche einen Bezug zu meinen Inhalten! „Markus!“, schreie ich ganz aufgeregt in mein Telefon. „Ich hab’s! Wir finden im Kaiserreich doch ganz viele Rollenbilder, Feindbilder und Klischees, die bis heute nachwirken! Das hat doch dann was mit unseren Jugendlichen zu tun!“ Markus freut sich: „Ja, genau, das habe ich gemeint! Wir können uns anschauen, wie die Gesellschaft des Kaiserreichs aufgebaut war und was davon konstruiert war. Zum Beispiel Kolonialismus – warum hat man denn damals geglaubt, dass man das Recht hat, andere Kontinente auszubeuten? Und das ist ja heute nicht anders, schließlich gibt es ja bis heute Rassismus, Kinderarbeit und Kämpfe um Rohstoffe.“

Die Ideen fliegen wie wild. Bald haben wir eine erste vollständige Präsentation. Wir sind bereit, ins kalte Wasser zu springen und unsere neue Führung zu testen. Wichtig ist für uns, dass wir erst einmal nicht erklären, was der Begriff bedeutet. Wir wollen von den Schüler:innen wissen, was sie darunter verstehen. Ich bin wahnsinnig gespannt auf die Ergebnisse, denn man kann ganz unterschiedliche Dinge unter dem Begriff verstehen und ich will wissen, was unsere neuen Lieblingsmenschen denken. Es gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen der 9. Und 11. Klassenstufe. Nach mehreren Durchläufen und jeder Menge Feedback ziehen wir ein erstes Resumé:

Es hat gut geklappt, aber das geht noch viel besser! Wir besprechen die Evaluation mit allen Kollegen und jeder gibt seine Perspektive dazu. „Seid vorsichtig, dass ihr nicht nach Verschwörungstheorien klingt. In dieses Fettnäpfchen sollten wir nicht treten.“, sagt Reiner, der Museumspädagoge vom Historischen Museum Saar. Gut, dass er das sagt. Das hatte ich bisher nicht auf dem Schirm.
„Konstruieren wir nicht auch selbst unser Bild von Geschichte?“, fragt Simon, unser Museumsdirektor. „Wenn wir das Kaiserreich auseinandernehmen und Schüler:innen erklären, dass ‚die damals‘ alles konstruiert haben, sind wir dann in irgendeiner Form besser?“ Stimmt, überheblich klingen wollen wir auch nicht!

Ihr seht, es ist noch jede Menge zu tun. Denn wie Markus sagt, es ist nicht einfach, aber unser Anspruch, eine „fast perfekte Führung“ zu gestalten. Aber was bedeutet perfekt? Ist das nicht auch eine Frage der Wahrnehmung?