Chat mit Lieblingsmenschen

Ein Wechsel von Knackgeräuschen, dann plötzlich Stille. Kameras ein. Kurzer Blick in den Klassenraum. Zwei Mädchen sitzen zusammen, ein Junge setzt sich gerade hin. 20 waren angemeldet. 16 Endgeräte haben sich zugeschaltet. Auf den Icons am Bildschirmrand liest man Florian, Frederico und… Nelly. Der Name meiner Mitmoderatorin. Jetzt gibt’s zwei Stunden Geschichte.

Sie sind alle schon zwischen 15 und 16 Jahre alt. Und trotzdem erinnern sie mich, unsere Gäste im VIMUKI, dem Virtuellen Museum für Kinder und Jugendliche, an meine 14-jährige Tochter. Die letzten Wochen hat Sofía mit ihren Leuten ein Theaterstück einstudiert. Das war ein genauso wilder, leicht verplanter, witziger Haufen wie der, der jetzt über Kamera, Mikrofon, Chat und Klick mit uns in Kontakt tritt.  

Gerade weil sie in der Phase stecken, in der sie gerade stecken, sind sie so interessant und inspirierend. Nun gut, als Vater einer 14-jährigen würde ich lügen, behauptete ich, meine Tochter wäre super. Mal mehr mal weniger, mal viel weniger oder sehr viel mehr, müssen wir alle – die teen spirits und wir selbst – durch diese Phase. Es ist nicht immer schön. Es kann mitunter auch ganz schön krass sein. Aber es ist immer inspirierend.

Mich beeindruckt schon, wie sie den (Online-)Raum betreten. Sie umweht die Aura in einer anderen Welt zu stecken. Sehr cool. Nelly und ich müssen jetzt natürlich als erstes versuchen, sie da abzuholen. Gar nicht so leicht über Videokonferenz. Aber die PowerPoint ist gut, sie haben Lust zu spielen und einige lassen sogar die ganze Zeit die Kameras an.

Und so versinken Nelly und ich in ihrer Welt, blicken mal auf einen leeren Tisch, mal auf zwei riesige Hände, die etwas eintippen, mal auf einen Jungen der uns direkt anguckt – so als würde er uns wirklich ansehen. Unter seinem Kamerabild stehen die ominösen Wörter „Stefan Meier“. Im Hintergrund sitzt noch ein anderer Junge. Den hat er anscheinend gerade näher rangeholt, weil wir offensichtlich etwas Interessantes gezeigt haben. Jetzt richten sie die Kamera auch auf ihn. Auch er scheint uns anzusehen…und schaltet sein Mikrofon ein. Wir müssen uns alle sehr konzentrieren, um nicht einander ins Wort zu fallen, aber es klappt: jetzt reden wir sogar mit einem von ihnen.

Egal, ob sie nicht immer voll dabei sind und alles verstehen, was wir von ihnen wollen: sie sind nett. Sofía ist auch noch sehr nett zu mir. Zum Glück gibt es Musik. Wir hätten uns bestimmt immer gut verstanden, aber wir hätten nichts mehr zum Reden gehabt. Sie hat natürlich die meisten der besten Bands aller Zeiten nicht akzeptiert. Das tut weh, gerade weil ich ja genau weiß, was Frauen mögen. Ich habe ihr sogar die No-Gos meiner Jugend vorgeführt. Das Resultat war ernüchternd. Robin Williams, Grouplove, Cranberries, Garbage und Sportfreunde Stiller schafften es kurzzeitig auf ihre Playlist. Aber es ist eben nicht mehr so wie früher, als ich sie zu „Hip Hip Hurra“ von den Ärzten in den Schlaf wog. Das ist alles zu lahm, zu leise, zu sehr für alte Leute. Genauso hat sie es letztens formuliert als wir gemeinsam eine Online-Live-Tour durch ein Museum anschauten.

Nelly und ich haben versucht, cooler zu sein, hatten bei der Vorbereitung aber schon ab und zu Angst, dass es total peinlich werden könnte. Doch Nelly ist auch cool. Mit Mentimeter, Meems und besonders ihrer Art, mit ihnen zu reden, hat sie sie gekriegt. Natürlich nicht immer, dafür ist der Online-Raum zu instabil, sind die Sinne zu sehr eingeschränkt. Aber man merkte, dass alle zumindest wussten, worum es ging, und wo man klicken musste. Obwohl, gerade bei letzterem sind sie uns eindeutig überlegen.

Der Chat ist das Tor zu ihnen. Und anders als der andere technische Kram geht das total schnell und macht auch Spaß. Zumindest mit ihnen. Sie schreiben sehr präzise und verwenden einen Code, der viel dynamischer ist als meiner mit den überlangen Texten und Gedankenstrichen. Am liebsten hätten wir noch viel länger mit ihnen gechattet, aber wir mussten ja die Emser Depeche erklären.

Zu spät. Nach 90min ist Pause und sie müssen in eine andere Klasse. Und der Text hier ist auch schon zu Ende. Dabei bin ich noch gar nicht auf unser Programm „Konstruierte Realitäten“ eingegangen. Vielen Dank für das Kennenzulernen mit unseren Lieblingsmenschen. Beim nächsten Mal reden wir über Historytelling. Und sie wollen reden.